Wie findet sich das „Ich“ in einer chaotischen, schier undeutbaren Welt zurecht? Wie nimmt es Kontakt auf, wie rezipiert und transformiert es flüchtige Fragmente aus Furcht und Freude und schafft sich einen Sinn? Das multimediale Werk von Christine Lengtat dokumentiert eine künstlerische Suche, die sich nicht iterativ einem gesetzten Thema nähert, sondern hellwach das momentan Relevante seziert. Thematisch wie technisch nimmt sich diese Recherche jede Freiheit, verarbeitet Biografisches, nimmt Stellung zu gesellschaftlichen Strömungen oder folgt einfach einer spontan gezeichneten Linie auf der Leinwand. Neben expressiver Malerei stehen Objekte unterschiedlicher Materialien, teilweise Ready-mades, narrativ-symbolistisch oder abstrakt angelegte Videoarbeiten. Gelegentlich verarbeitet Christine Lengtat die Beiträge befreundeter Künstler*innen und weitet den eigenen Werkbegriff. Immer auf der Suche nach dem, was sich im Moment offenbart.
Stefan Ostermeyer
Christine Lengtat, „Moment“, Ausstellung in der Kunsthalle Brennabor, Brandenburg an der Havel
Vernissage 20.06.2025
Christine Lengtat ist Brandenburgerin, in Potsdam geboren. Sie ist bildende Künstlerin, ausgebildet in der Hochschule Berlin-Weißensee mit Abschluss Master in „Art Therapy“ , Sie ist auch Musikerin, besuchte die Hochschule „Hanns Eisler“ und schloss ihr Studium als Diplom-Musikpädagogin ab. Ihre Lebensmittelpunkte sind Wismar und Brandenburg.
In der bildenden Kunst schafft sie ihre Werke seit dem beginnenden zweiten Jahrzehnt der 2000er Jahre. In der Ausstellung sind als frühe Erzeugnisse, jeweils vier zusammengehörige Blätter, Gouache auf Papier, in einem Rahmen, im hintersten Teil der Halle zu sehen. Mittlerweile ist ihr Kunstschaffen in zahlreichen Ausstellungen gezeigt worden, allein nur 2024 etwa in Hof, Rostock, Stettin, Putbus, Greifswald Hamburg und Berlin, hier mit einen Titel “ Zeige deine W_nde“ in honorem Josef Beuys.
Ihre künstlerischen Äußerungsformen haben sich mittlerweile sehr erweitert, auf farbige malerische Darstellung auf Tableaus in Schwarz-Weiß- und Grautönen, Graphiken, auf fotographisch gestützte, komponierte Multimediawerke, auf Videoproduktionen (Filme) und auch auf Installationen . Oft antworten dabei neu geschaffene Objekte auf vorangegangene Kunstäußerungen anderer Art. Sie modifizieren, kommentieren, nutzen diese in überraschenden Wendungen. „Ready-mades“, oft auch archäologisch aufgefasst, sind eine weitere Form ihres Schaffens. Fundstücke von Radzierblenden von Autos zeigen auf der Kopftafel der Kunsthalle Anklänge an das Wesen, die Kultur und die Folgen der technischen Mobilität. Hier sind sie sogar verbunden mit bewegenden lyrischen Texten, abrufbar über QR-Codes, die den Eindruck des einst am Auto gebrauchten Objekts erst komplettieren.
Der Anspruch des „ich“ steht in unserer Lebenswelt und unserer Gesellschaft im Mittelpunkt der Selbstwahrnehmung des Individuums Dieses bäumt sich, bläht sich auf, ruft nach Geltung, ordnet sich ein, gesellt sich Gruppen zu, verliert seine Einzigartigkeit, wird zum Mitglied der Masse und versinkt, verschwindet. Die Person ist dabei bei sich in der Suche nach Erklärung Sinn und Verhältnis zu ihrer Mitwelt, ihren Mitmenschen und ihren Befangenheiten und Grenzen. Beteiligung, Auffassung und Empathie formen den Sinn des Einzelnen in der Welt.
Die Hände der Künstlerin verweben, verhäkeln ein Absperrungsband zu einer neuen ganz anders verwertbaren Form. Der Prozess ist aber damit nicht zu Ende. Ein Korb birgt neue illuster komponierte Gegenstände, fasst sie zusammen und fügt sie in eine neue erweiterte Bedeutung.
Kartontürme aus gleichen Elementen bilden ein Archiv, das, nicht aufgeschlossen, nur durch Reihe und Aufhäufung auftritt. Geordnetes, Verborgenes, das lediglich durch Imagination geöffnet werden kann, wie eine entindividualisierte Architektur mit nicht einsehbaren Wohnungen.
Das Maß der Dinge zeigt eine Messlatte, die ganz gegen die Gewohnheit von Maßstäben ihr Maß verliert, aufsteigt und in ungeahnte Höhen entschwebt.
Ein Movens der Künstlerin ist der „Moment“. Dieser ist ein Stopp, ein Innehalten, ein Aussetzen, eine Unterbrechung in einem Verlauf, der nun zunächst einmal jäh endet („Moment mal“). Der Moment ist auf jeden Fall ein kurzer Zeitraum, zu verschiedenen Zeiten und Zwecken unterschiedlich definiert, 2 Sekunden, 6 Sekunden (der biologische Augenblick), 1½ Minuten (im Mittelalter). Er ist ein prägnanter Punkt, dem das Unerwartete oder Überraschende eigen ist. Gewissermaßen Kleinform und beschränkter ist der „Augenblick“, etwa in den Augenblicken, die der Clown Bölls sammelt oder der Irritation Heinz´ Erhards „Ich bin augenblicklich nicht momentan!“
Glücksmoment oder Schockmoment. Inhaltlich sind Momente Punkte des Umstands (Moment der Wahrheit) , sie sind Aspekte (neue Gesichtspunkte), relative Zeitpunkte (Augenblick der Entscheidung), Umkehrpunkte, etwa bei einer schwingenden Bewegung (gleich einem Pendel), ein begünstigter Zeitpunkt (fruchtbarer Moment, Auslöser auf Entdeckungsreise nach Alternativen zu gehen). Dinge sind von jetzt auf gleich irreversibel verändert, so ein nicht wieder zu gewinnender „verpasster Moment“, ein „Moment der Unachtsamkeit“ mit weitreichenden Folgen oder ein Kippmoment, der etwa physikalisch (Brücke in Dresden) oder ökologisch fatale Folgen haben kann.
Es ist sehr erfreulich, dass gerade in der Musiktheorie des 20. Jahrhunderts der künstlerisch charakterisierte Moment schon sehr dem künstlerischen Gebaren und Verfahren unserer hier ausgestellten Künstlerin entspricht. Für Stockhausen ist der Moment „jede durch eine persönliche und unverwechselbare Charakteristik erkennbare Formeinheit einer bestimmten Komposition“, „formal gesehen eine Gestalt (individuell), eine Struktur (dividuell) oder eine Mischung von beiden. Zeitlich gesehen kann der Moment ein „Zustand (statisch) oder ein Prozess (dynamisch) oder eine Kombination von beiden sein.“ [Stockhausen, Momentform, 1963, S.200f.]. Der Moment ist einer, der Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft aufhebt, Nichts und Ewigkeit zugleich [Kierkegaard].
Mit der Kunst tritt die Künstlerin auf ureigene Weise in Austausch. Die Leinwand ist das Feld zur Untersuchung ihrer Wünsche, Probleme und Vorlieben im Rahmen ihrer sich bietenden Möglichkeiten. Die Kunstschöpfung ist ein reger Vorgang, eine Reise auf der Entdeckungen möglich, ja notwendig sind, um zu einem Ziel, einem Ergebnis zu gelangen. Die Unfertigkeit regt und dauert an. Im Schaffen, das die Triebkraft der Malerei ist, kann auch gewonnene Gestaltung noch einmal stark modifiziert oder sogar verworfen werden. Das sich ergebende Finden in der Malerei ist der Ausdruck ihrer augenblicklichen Verfassung, eine Konstruktion aus jüngsten Erfahrungen, aktuellen Ansichten, Ablehnungen und auch Erlittenem. Das Ergebnis weist am Ende über die bestehende Befindlichkeit, Haltung, Konstitution des Selbst hinaus. Es lädt die Betrachter zur Assoziation ein. Die Künstlerin sagt: „Die Illustrationen meiner Geschichten illustrieren die Geschichten des Betrachters.
In einer Reihe von Gemälden gibt es wiederkehrende Gestaltungselemente: der starkfarbig kraftvoll, gar rücksichtslos geführte Pinsel, leuchtend farbige Füllungen von abgegrenzten Körpern (vielleicht auch etwa menschlichen Körpern). Flächen eines fast typischen pastosen „lehmigen“ Weiß, bilden oft herausgehobene Zonen. Breite bis schmale, oft in einem langen Zug geführte Kontouren, etwa auch lockige, zitterige, geschlängelte, neben schwarz auch neonorange oder grün. In ausgewählter Farbe können Körpervolumina heraustreten, quellend dicht, aber auch transluzid, die dann durch weitere aufgebrachte Elemente überlagert oder geschwächt sein können. Übermalungen bleiben oft nachvollziehbar und offenbaren das ältere dahinter liegende. Einige dieser Werke sind „en plein-air“ entstanden, also draußen gemalt. Eines scheint dementsprechend etwa eine Landschaft darzustellen, gelesene Natur.
Sowohl im Format als auch in der Art der Komposition nicht abgegrenzt erscheinen als konkrete Darstellung Portraits, selten auch mit dem Namen der Dargestellten versehen (Luca). In einem beeindruckenden Tableau ist das Gesicht einer jungen Frau gezeigt. Heller als die Umgebung, die Gesichtsfläche gehoben, rundoval geformt, farblich mehrfach in gelblichen bis Inkarnattönen, etwa auch die Stirn, gebildet: Der Hals ist schwarz abschattiert, dunkel auch die Augenumgebung. Die Augen selbst , Pupillen und Wimpern, sind hellblau, der Mund mit wenigen Strichen hellrot appliziert. Unter den dunklen Haarkranz, um die Stirn, ist ein Band oder ein Tuch gelegt. Die Mittel der Darstellung offenbaren bei der malerischen Reduktion trotzdem eine individualisierte Wiedergabe. Die „Verwischung“ durch Pinselstriche bis in die Umgebung schafft einen Schleier, den der Betrachter zu durchdringen sucht, zumal das Gesicht eine gelassenes ruhiges, verträumtes Gefühl zu spiegeln scheint.
In anderen aber kleinformatigen Portraits spiegeln ich in expressiver Weise starker aufgewühlte Gefühlszustände, Angst, Schrecken oder Trauer, in der Farbigkeit den beigelegten Affekten stärker folgend und diese tragend und betonend.
In einer weiteren Werkgruppe, den schwarz-weiß-grau (Grisaille) ausgeführten mittelformatigen Arbeiten ist ebenfalls ein Portrait gezeigt. Ganz ähnlich formuliert zeigt das Gesicht einen distanziert überraschten Ausdruck.
Die Grisaillen bilden eine größere Werkreihe mit sehr stark divergierenden malerischen bis stark graphischen Anteilen. Es existiert eine größere Bandbreite der Organisation des Bildes, abstrakterer kombinierte geometrische Formen in Balken, Rahmen, Texturen, Figuren. In unterschiedlich hellen, verschränkten oder räumlich hintereinander angeordneten Elementen bilden sie einen recht konkreten fantastischen Raum. Etwa ein Kircheninneres ist mit einer fast typischen Belichtung und Gewölbe- und spitzbogig eingestellten Formen recht leicht identifizierbar.
Andere Werke zeigen nachgerade aufgelöste, unkonturierte wie aufgebrochen oder zerfasert wirkende Ballungen, Schwaden, Verpuffungen, Eruptionen oder andere in den Raum greifende Farbausprägungen, malerisch abstrahiert als gedanklich expressives Erzeugnis.
Zu entdecken gibt es Werkgruppen, etwa eine Reihe von elf quadratischen Kompostionen schwarz und weiß latexbehandschuhter Hände in Kommunikation mit vertikalen weißroten Streifen. Ästhetisch ansprechend sind die Varianten miteinander agierender Hände als Momentaufnahmen aus einem Kastentheater eines Händeschauspiels.
Eine Videowiedergabe zeigt eine Händewaschung mit weißem und schwarzen Handschuh, ein narrativer Prozess als befremdliche Aktion.
Zurückzukehren zu den Readymades, der Kommunikation von Alltagsgegenständen, scheinen zwei offenkundig gebrauchte Plastikgießkannen nicht mehr dazu bestimmt Pflanzen zu nähren und zum Gedeihen zu bringen, sondern sind selbst Zuchtgefäße für Sträuße von Kunststoffbändern, die aus ihren Innenräumen und Gusstüllen quellen, ein Statement zum Sein der Gegenwart.
Ich wünsche Ihnen Ansichten und Einsichten für ihr Selbst in dieser Ausstellung.
Wolfgang Niemeyer
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